Das Team

Es ist wieder Sommer!

Nachdem wir letztes Jahr unerwarteterweise nicht abgesoffen waren, haben wir uns ein noch illusorischeres Projekt ausgedacht. Dieses Mal geht es über die Alpen.

Hoffentlich.

 

Disclaimer: Möglicherweise kennst du uns aus dem beruflichen Umfeld. Denk daran, dass alles, was du hier siehst und liest eine rein private Angelegenheit ist!

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Hirnstürme zum Gipfelstürmer

Irgendwann ploppt in unserer „Donauschifffahrtsgesellschaft“-whatsapp-Gruppe die verhängnisvolle Frage auf: „Was machen wir eigentlich im nächsten Sommer?“

Unsere Ansprüche an Nonkonformität und katastrophales Preis-Komfort-Verhältnis sind hoch. Zwischen unseren Köpfen verknüpfen wir diverse Elemente eines Pools an Auflagen gegen unsere Erholung zu gordischen Knoten. Das Webmuster, wesensverwandt mit dem Netz einer Spinne auf LSD, offenbart nach eingehender Analyse unsere Methode: man nehme ein bewährtes Transportmittel, um es von einem Stützrad unserer Zivilisation zu einer schlechten Idee zu degenerieren. In die engere Auswahl kommen u. a. ein Pedaloausflug zum Nordkapp, eine Hochseeruderregatta (wahlweise mit Schwanentretbooten), eine Zeppelinfahrt auf Wasserstoffbasis und Eselreiten in Südamerika. Eine Kampfabstimmung führt das Ergebnis herbei. Knapp geschlagen geben muss sich die „Tuk-Tuk“-Reise von Dehli nach Europa auf einer dort zu erwerbenden Motorrikscha. Glorreicher Sieger wird das Revival des genialsten Coups zwischen Mittelmeer und -gebirge: Die Alpenüberquerung des Hannibal.

Als modernes Pendant eines schwerfälligen und voluminösen Untersatzes soll uns ein 6-Personen-Tandem, ein sogenanntes surrey bike, dienen.

Der Name: Surus the Surrey.

Namenspatron: Surus, Leibelefant des Hannibal.

Codename des Projekts: Hannibal Express.

Dass der grammatikalisch notwendige Bindestrich wegen der Ästhetik der Inszenierung durch ein Deppen-Leerzeichen ersetzt wird, dient als Analogie zum Gesamtkonzept.

Die Sesamstraße

Leider haben wir keine Zeit, das Gefährt komplett selbst zu formen. Deshalb schauen wir uns nach Bausätzen um, denen wir Leben einhauchen könnten. In Europa gibt es keinen nennenswerten Markt für neue Surreys, also müssen wir unsere Suche transkontinental ausweiten.

In den ersten Jahrhunderten unserer christlichen Zeitrechnung war die Seidenstraße Inbegriff eines sagenumwobenen Weltmarkts. Wir sehen uns somit durchaus in würdevoller Nachfolge des abenteuerlustigen Marco Polo, als wir bei unseren Shoppingrecherchen Bekanntschaft mit Alibaba, dem chinesischen Amazon, schließen. Hier findet man allerlei No- oder Mimikryname-Produkte. Letztere erreichen vermutlich mehr Menschen als die jeweiligen Originale – ähnlich dem gastgebenden Märchen Ali Baba selbst, einem exotischen Abklatsch der Grimm’schen Erzählung Simeliberg. Wir hoffen, hier in keine Räubergeschichte zu stolpern.

Schließlich entscheiden wir uns für eine Konstruktion. Sie erinnert an eine mit Zuckerwatte ins tragikomische aufgepäppelte Kreatur eines wahnsinnigen Freizeitparkdirektors. Christian handelt noch ein paar Ersatzteile raus und bestellt das Ding Anfang August. Auf Ali Babas Sesamstraße gelangen die bunten Teile zu ihren infantilen Adoptiveltern.

Ging auch schon die Seidenstraße mitunter an räuberischem Zollwesen zugrunde, müssen wir auch bezüglich dem Fahrradimport aus China im Jahr 2017 eine Warnung aussprechen. Heute halten jedoch nicht die Araber die Hand auf und auch die Anteile des Suez-Kanals und der OPEC tun uns nicht weh. Stattdessen erhebt die EU einen saftigen „Antidumpingzoll“. Der Preis unseres Gefährts vervierfacht sich durch Logistik und Zoll annähernd. Nichtsdestotrotz freuen wir uns natürlich tierisch auf unser kleines, spezielles Surrey – mit 150 kg Geburtsgewicht!

Einer guten Tradition folgend beglücken wir auch dieses Jahr natürlich wieder Christinas Familie mit einer Live-Teilhabe an Liefer-, Lager- und Schraubphase. Das sind wir ihnen als Dank für ihre Verdienste im Vorjahr einfach schuldig.

Das Abkalben

Der Termin ist längst überfällig, doch schließlich nimmt Anfang Juli in Hofgeismar die Kultur ihren Lauf. Ein Transporter kalbt unseren Surus und hinterläßt ihn in einem Papyruskörbchen vor der Eingangstreppe seiner neuen Gastgeber. Am folgenden Samstag nehmen sich Christina und Thilo des Bündels an, öffnen die Embyronalhülle aus Papier und sortieren erst einmal die enthaltenen Organe und Extremitäten. Das Fahrgestell dominiert das Ensemble. In dessen Zentrum sorgt ein robuster Rahmen für Stabilität. Seitlich sind Kettenblätter, Tretlager, Kurbelarme und Ketten bereits angebracht. Soweit so gut. Als Hauptproblem identifizieren wir das Fehlen einer Bauanleitung. Zunächst behelfen wir uns mit dem verpixelten Bild des Fahrrads vom Webshop des Händlers. Dabei stellen wir fest, dass das uns gelieferte Modell vom georderten abweicht… Misstrauisch beäugen wir die Trommelbremsen und die Gangschaltung. Letztere übrigens von „Shimono“. Per Zange müssen außerdem einzelne Teile in ihren vermuteten Sollzustand zurückgebogen werden. Irgendwie schaffen wir es im Verlauf des Tages, die Einzelteile im korrekten räumlichen Verhältnis zueinander zu positionieren. Das fertige Fahrrad wackelt allerdings gefühlt in mindestens drei Dimensionen. Wir besteigen es dennoch für eine kleine Rundfahrt. Dabei fällt auf, dass der riesige Wenderadius Abbiegen in einem Zug unmöglich macht. Passanten bescheinigen uns ihr Mitleid und teilen uns ihre Sorgen mit. Per whatsapp erstatten wir den anderen Bericht. Reaktion: „Cool, da haben wir ja ein richtig tolles Puzzle vor uns!“

Die Zähmung

Aktuell würden wir lieber auf einem riesigen Käserad durch Holland fahren als auf unserem Surus. Die Stabilität unseres Gefährten erfüllt zurzeit Mozzarella-Standard. Rückgrat unseres Sicherheitskonzepts ist eine große Hupe.

Deshalb lassen wir den ausgewiesenen Hartkäse-Lover Christian exklusiv für unsere Fahrradpfuscherei für ein Wochenende aus Australien einfliegen. Der erste Ausritt mit Surus führt zum lokalen Fahrradhändler, dessen Besitzer freundlicherweise einen Blick auf die Technik zu werfen bereit ist. Besonders interessiert uns die Gangschaltung. „Ab Werk“ sind Single-Speed-Ritzel an den angetriebenen Hinterrädern befestigt. Diese müssten irgendwie durch die Ritzelkassetten ersetzt werden, die in der mitgelieferten Wühlkiste voller Gangschaltungskomponenten rumflogen. Der Experte klärt uns auf, dass selbst er für diese 70er-Jahre-Technik keine passenden Werkzeuge besitze. Wir vergleichen schließlich das größte Zahnrad der Gangschaltung mit der installierten Komponente und beginnen, abzuwägen. Das größte Ritzel limitiert die mögliche Steigung, die wir auf Surus bezwingen können. Die Zahl der Zähne würde durch den Dentaleingriff nur unwesentlich erhöht. Demgegenüber würden wir ein komplexes Bauteil mit fragwürdiger Qualität als Herzstück unseres Fahrradorganismus einsetzen. Wir entscheiden uns gegen die Transplantation.

Stabilität und Stauraum rücken nun in der Prioritätenliste an die Spitze. Stahlseile sollen die Bänke gegen Scherkräfte sichern und vorne und hinten wird Surus je eine Gepäckbox tragen. Um letztere anzubringen brauchen wir auch ein paar Holzstücke aus dem Baumarkt. Für panisches Unbehagen sorgen wir mit unserem Anblick beim Servicemitarbeiter an der Sägestation, der uns noch aus dem Vorjahr kennt. Nachdem die Stahlseile angebracht sind trauen wir uns sogar, mal kräftig in die Pedale zu treten. Resultat: ein – aus unserer Sicht unnötiger – Kettenspanner bricht und wird entnommen. Außerdem stößt man sich auf den hinteren Plätzen die Knie an der vorderen Sitzbank, wenn man nicht aufpasst oder größer als 1,75 m ist. Immerhin erkennen wir, welches Stahlteil wir wegflexen müssen, um unsere Vorderräder weiter einschlagen zu können und somit unseren Lenkradius zu verbessern.

Nun trauen wir uns eine erste Testfahrt zu. 5 km Gesamtstrecke mit einem kurzen Teilabschnitt mit 50 Höhenmetern. Es läuft besser als gedacht. Einmal müssen wir Surus über Poller heben und bestellen als Reaktion einen Dreieckschlüssel, um störende Poller zukünftig abmontieren zu können. Der Berg ist echt steil, aber wir schaffen es. Bergab wird’s rasant. Der Handytacho misst in der Spitze 36 km/h. So zeigt sich ein Geschwindkeitsparadoxon, das in der fehlenden Gangschaltung begründet ist: ausreichende Kraftreserven vorausgesetzt sind wir auf bergigem Terrain schneller als in der Ebene. Dies liegt daran, dass wir mangels sinnvoller Übersetzung ohne Steigung eine Grenzgeschwindigkeit von circa 10 km/h haben, ab der Treten keine Wirkung mehr erzielt. Bergauf sind wir nur unwesentlich langsamer, dafür bergab um ein Vielfaches schneller. Seriös gerechnet erreichen wir bei stetem Auf und Ab eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 15 km/h. Also theoretisch – wir werden sehen. Am ersten Stoppschild nach der Abfahrt dringt uns der erbärmliche Gestank unserer Trommelbremse in die Nase. Wir ergänzen unsere To-Do-Liste: Bremskonzept erweitern.

 

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Die Dressur

Jede traditionelle Elefanten-Dressur erfordert Schellen. Im konkreten Fall Sanitärschellen aus dem Baumarkt. Mit diesen befestigen wir Vorderradgabeln von Kinderfahrrädern inklusive Felgenbremsen an den Hinterrädern. Wir legen zwei 4 m lange Bremszüge bis zu den Lenkrädern. Die Befestigungsringe der Bremshebel brechen beim Aufbiegen. Stattdessen schrauben wir sie auf ein neues, hölzernes Armaturenbrett, in das wir ein Motivation-O-Meter einbauen. Die Länge zwischen Bremshebel und der Felgenbremse ist rein zufällig exakt mit der Länge der bestellten Bremskabel identisch. Durch großen Zufall mal wieder alles richtig gemacht.

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Um auch sonst auf einen StVO-konformen Stand zu kommen, bringen wir Lichter und Reflektoren an. Allheilmittel 1 (Heißkleber) hält bis zum ersten Schlagloch. Allheilmittel 2 (doppelseitiges Klebeband) versagt bereits ohne Fremdeinwirkung. Wir greifen also auf Allheilmittel 3 zurück und befestigen sie mit dem Allrounder Kabelbinder.

Ein viel größeres Problem zeigt sich bei der Probefahrt in voller Besetzung: Auch Jule und Friedrich, die uns den zweiten Teil der Reise begleiten, sind dazugekommen. Der Rahmen biegt sich wie eine trächtige Elefantenkuh mit Sechslingen. Um einer Frühgeburt vorzubeugen, kommt das letzte, ultimative Allheilmittel 4 (Stahlseile) als Korsett zum Tragen.

Bei einer letzten Inspektion im Hofgeismarer Fahrradladen wird unser Projekt mit dem Adjektiv „lebensmüde“ in Verbindung gebracht. Das Motivation-O-Meter steigt in direkter Folge auf „Pizza“.

Ausgangspunkt unserer Reise soll Donauwörth sein. Also zwängen wir Surus in einen Transporter – es ist verdammt eng, aber ein gut gezähmter Elefant beugt sich seinem Herrn. Im Stockdunkeln erreichen wir unseren ersten Zeltplatz, auf dem uns wenig Verständnis für die mitternächtliche Elefanteninvasion entgegengebracht wird. Nach gewonnenem Kampf bauen wir unser Zelt auf, knipsen Surus Augen aus und tun es ihm gleich auf dem Komfort unserer 6 mm Isomatten. Ein karthagischer Fußsoldat hätte nicht mit uns tauschen wollen.

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Tag 1 – Höchstgeschwindigkeit einstellig

KEINE ZEIT. MÜSSEN AUFHOLEN. TELEGRAMMSTIL.

6 UHR WECKER. AUTO ZURÜCKBRINGEN. MÜSLI. GEFÄHRT VOM CAMPINGPLATZ SCHIEBEN. LETZTE KONTROLLE. 100 METER FAHREN. KETTE KÜRZEN. 100 METER FAHREN. ERSCHRECKEN ÜBER TRETWIDERSTAND. MONOLOG VON RENTNER ÜBER CLAUDIA-AUGUSTA-VEREIN. UND KNEIP-KUREN. 300 METER FAHREN. BREMSE SCHLEIFT. NEU JUSTIEREN. 200 METER FAHREN. BREMSE SCHLEIFT ERNEUT. URSACHENFORSCHUNG. GEORG: DIE BREMSE SAH DOCH VORHER SO LOCKER AUS. MOTIVATION-O-METER RUNTERDREHEN. WEITERFAHREN. NOCH IMMER BREMSGERÄUSCHE. EINFACH IGNORIEREN. 8KM/H HÖCHSTGESCHWINDIGKEIT.  MITTAGESSEN ALS PICKNICK VOR OASE (SUPERMARKT). PASSANTEN WINKEN BEGEISTERT. 2000 RADFAHRER DER BR-RADTOUR AUCH. SCHWITZEN. RADIO VERKÜNDET FREUDIG HEISSESTEN TAG DES JAHRES. PAUSE AM LECH. 13 KILOMETER OHNE WASSER. TRANSPIRATIONSKLIMAX. RENTNER MIT GARTENSCHLAUCH RETTET UNS. ZELTPLATZ VOR AUGSBURG. LIEGEN AUF UNSEREN BÄUCHEN. POPO-PAUSE. STURM. NASS. ZELT HÄLT. RESTAURANT. ERSTER TAG GESCHAFFT. MOTIVATION-O-METER HOCHDREHEN.

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Tag 2 – Erhobenen Popos

Wie schon der Abend bringt auch die Nacht viel Regen mit sich, aber unser Zelt hält. Das ist überraschender, als es auf den ersten Blick klingt, denn wir haben es im Vorfeld nach bewährten Kriterien ausgesucht: möglichst billig und mindestens 2 Sterne bei Amazon. Erste Zweifel an unseren Kriterien kommen uns dann am Morgen, als unser unter Osteoporose leidendes Zelt beim Abbau erste Ermüdungsbrüche zeigt. Ein kleiner Riss in der Hülle und eine gesplitterte Stange sind glücklicherweise nichts, was etwas Tape nicht beheben könnte.

Am Morgen frustrieren uns überteuerte Marmeladenpreise am spartanischen Campingkiosk. Lieber wollen wir am trockenen Staub unserer Brötchen ersticken! Doch dann durchbrechen unsere freundlichen holländischen Nachbarn das Fruchtaufstrichkartell.

Nachdem wir bemerken, dass einige Tretlager wackeln, stoppen wir kurz in einem Augsburger Fahrradladen. Glücklicherweise haben wir kein chinesisches Spezialtretlager, müssten aber dennoch Ersatzteile bestellen. Wir entscheiden uns, das Problem zunächst zu ignorieren und fahren weiter zum Baumarkt. Dort holen wir Holzbretter und satteln die vordere Bank auf, um den Tretkomfort zu erhöhen. Die schmerzenden Hintern verwöhnen wir mit neuen Sitzpolstern, sodass wir erhobenen Popos weiterradeln können. Dann tanken wir hoffentlich bleifreien Döner. Denn unsere Vorratsbox ist unter den aktuellen Bedingungen ein Turbo-Fermenter, der unter atmosphärischem Druck Radieschenkompost mit Schmelzkäse verfeinert und auf Georgs Handfläche garniert.

Ein aufziehendes Motivationstief wird von lautstark mitgesungenen Queen-Songs aus der Bluetoothbox verscheucht. Die Landschaft rauscht nur so an uns vorbei (also mit 8 km/h), während wir geschenkte Pflaumen aus unseren Helmen mampfen.

Die Gegend leidet unter Campingplatzarmut. Deshalb stellen wir in dem kleinen Dorf Obermeitingen unser Zelt auf einer Wiese hinter einem Bauernhof auf. Das einladende Grün entpuppt sich aber lediglich als Anstrich einer Kieshalde, dem natürlichen Feind des Erdnagels. Schließlich haben wir Heringe am Untergrund und Spaghetti im Topf verbogen und machen es uns im Zwischenzelt „gemütlich“. Christian und Babsi schlummern dort friedlich ein. Georg und Thilo beschließen daraufhin flüsternd, die unbenutzen Schlafkabinen und Isomatten unter sich aufzuteilen und die beiden Schlafmützen den Mücken als Opfer darzubringen. Ihr lautes Kichern verrät sie jedoch. Schade.

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Tag 3 – Räubergeschichten

Wir schlafen in der Nacht zunächst wie Steine. Steter Tropfen höhlt diese jedoch. Unsere Innenzelte sind luftpermeabel wie Plastiktüten, sodass unser Schweiß in breiten Lachen am Kunststoffbaldachin über uns kondensiert und wieder auf uns herunterprasselt. Wir zippen uns raus ins Makroklima.

Zum Frühstück gibt’s Nudeln vom Vorabend mit Müsli. Bis wir loskommen ist es halb 10 und unangenehm heiß. Wir sind jetzt schon ein eingespieltes Team. Wir kennen unsere Trittfrequenzen und Rasereiaffinitäten, antizipieren Lenkbewegungen und Bremsaktivitäten und erkennen uns am Geruch. Hatten wir am Vortag die Bluetooth-Box noch hauptsächlich für Musik genutzt, hören wir heute „Die drei ???“ und „Räuber Hotzenplotz“, gefolgt vom „Pumuckl“.

Die Städtchen und Dörfer entlang des Weges bestehen aus geschmackvoll gepflegten Vorgärten und grün fensterbeladenen Häusern mit herzlichen Bewohnern. So lassen wir uns wider besseren Wissens gerne in das ein oder andere längere Gespräch verwickeln. Als Landmarken dienen uns die zahlreichen Kapellen und Kirchen. Einziges Manko dieser Idylle ist die heilige Mittagspause, die uns die gewünschte Kalorienakkumulation bis 14 Uhr verwehrt. Schließlich laben wir uns an einer EDEKA-Oase mit Wurst und Kakao und determinieren einen Zeltplatz als Tagesziel. Die Alpinisierung der Landschaft schreitet voran. Dies verbuchen wir angesichts des genannten Geschwindigkeitsparadoxons als Pluspunkt. Tatsächlich sausen wir nach schenkelzerfetzenden Bergfahrten lungenflügelflatternd talwärts, mit kurzer Kalorienaufnahme im McDrive.

Nach circa 60 km erreichen wir unseren Zeltplatz und werden Zeugen von häuslicher Gewalt: Georg bricht unserem armen Zelt zwei weitere Glasfaserglieder. Aus Rache wird es uns heute Nacht sicher wieder mit Waterboarding traktieren. Gute Nacht 🙂

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Tag 4 – Das sieht gemütlich aus!

Der Tag beginnt entgegen unseres Vorsatzes gemütlich. Unsere eigene Marmelade schmeckt nach Freiheit und auch ein Dosenweizen wird geploppt – schließlich wird’s im Tagesverlauf nicht kühler.

Um halb 12 brechen wir auf und mäandern phasenweise entlang der Ufer des Lechs und zahlreicher Bade- und Stauseen gegen die Strömung und Richtung Alpen. Die Gebirgsfront wächst immer imposanter in den Himmel, während wir ihre Ausläufer bezwingen. Pro Strecke haben wir immer mehr Zeit, über unsere Reisegeschwindigkeit zu philosophieren. Da die Reisedauer das Integral der Geschwindigkeitsfunktion für ein Zeitintervall ist, werden Geschwindigkeiten nicht nach entsprechender Streckenlänge, sondern nach der zugeordneten Fahrtzeit gewichtet. Wir erkennen, dass bei Steigungen nicht nur fehlende Kraftreserven unser Tempo für einen langen Zeitabschnitt limitieren können, sondern auch fehlende Maximalkraft und im Besonderen Lager, Ketten und Grip der Hinterräder auf Schotter. Die Theorie unseres Geschwindigkeitsparadoxons, das Material und unsere Kettenübersetzung setzen also hügeliges Gelände voraus. In richtigen Bergen ergibt sich ab einer bestimmten Steigung jedoch ein Nachteil aus den Höhenmetern. Dieser wird durch kurvige, geschotterte Abfahrten verschärft, die energisches Bremsen erfordern. Nachmittags erreichen wir Füssen, wo wir uns verfahren und fast in einem schmalen, historischen Torbogen stecken bleiben. Kurz darauf passieren wir die deutsch-österreichische Grenze und habe somit das erste Viertel der Gesamtstrecke überwunden!

Die Häuser kleiden sich nun stereotyp in dunkles Holz und Passanten winken „Servus“ statt „Hallo“. Eine Dame ruft uns zu: „Sieht gemütlich aus“. Wenn die wüsste….

Bald erreichen wir die erste Steigung, die in unserem Reiseführer mit einem warnenden schwarzen Pfeil markiert ist. Wir treten voller Elan und müssen auf 1 und 2 im Takt stampfen, um Hangabtreibskraft und Haftreibung koordiniert zu überwinden. Dazu tönt der Elefanten-Marsch des Duschungelbuchs in Dauerschleife aus der Bluetoothbox. Nachdem die Steigung noch extremer wird, hilft aber alles nix: wir müssen schieben. Das geht überraschenderweise so gut, dass gar nicht wieder aufsteigen wollen…

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Als Tagesziel stehen Reutten und Heiterwang zur Auswahl. Nur 5 km trennt die Destinationen, aber auch 300 Höhenmeter. Wir entscheiden uns für die anspruchsvolle Alternative und schieben Surus noch vier weitere Berge hinauf. Der Respekt vor dem Reschenpass sinkt, denn wir haben nun die Hälfte von dessen Anstieg an einem einzigen Abend gemeistert. Dass es sauanstrengend war, ist klar. Am Zeltplatz werden wir herzlichst begrüßt und posieren mit Surus für die Homepage unserer Gastgeber. Unser  bröselndes Zelt spannen wir neben einem traumhaften blauen Bergsee. Einen Schnaps im zugehörigen Restaurant gibt’s für uns gratis dazu – genauso wie den saftigen Regenschauer beim Zeltaufbau.

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Tag 5 – Mountainbike-Schiebestrecke

Vormittags unterziehen wir Surus einem Ganzkörpercheck. Schrauben und Pedale werden festgezogen und eine Befestigungsschelle der Felgenbremskonstruktion ersetzt. Die Campingplatz-Chefin teilt uns derweil freudestrahlend mit, dass sie unser Bild bereits auf der Homepage und auf Facebook gepostet hat. Unser Akademikerherz schlägt direkt höher: Hirsch-Index 1! Prompt folgt unser erster Blog-Kommentar und auch per Mail flattert Fanpost rein. Aber irgendwie nicht verwunderlich, zieht Fahrbahnmissbrauch mit Katastrophenpotenzial doch zuverlässig Schaulustige an.
Wir rollen vom Platz und erst einmal direkt zu einem Supermarkt, da Georg Snacks wünscht. Wir kaufen, so viel wir tragen können – und laufen zweimal. Wir treffen außerdem ein Pärchen wieder, das wir vor zwei Tagen an einem Oasenparkplatz kennenlernten. Sie parken spontan ihr Auto und helfen uns eine Anhöhe hoch. Welch Zufall! Nach einem ersten heftigen Berg mit 150 m Anstieg bringen wir unsere Isomatten gegen den Hang in Liegestuhlstellung, essen Wurst und schlafen kauend ein.
Erholt gehen wir dann den Fernpaß an, den wir über Schotterpisten abseits der belebten Fernpassstraße erreichen wollen. Unsere Route orientiert sich am historischen Verlauf der Via Claudia Augusta. Die Wege sind angeblich „extra“ nicht befestigt, um die Strapazen unserer Vorfahren besser erlebbar zu machen. Zunächst müssen wir ein paar Schranken und Poller mithilfe unseres Dreieckschlüssels aus dem Weg räumen… und Schieben, Schieben, Schieben. Stundenlang kämpfen wir uns tapfer und schnaufend bergauf bis auf 1216 m „Höhe über der Adria“, wie der Ösi sagt. Dann sind wir endlich am höchsten Punkt des Fernpaßes angelangt und genießen den herrlichen Ausblick auf Wettersteinmassiv & Co.IMG_20170805_173524075
Jetzt soll’s quasi nur noch bergab gehen, aber mit Tücken. Der klüftige, von Wurzeln verbuckelte Weg wird als Mountainbikeroute mit dem Zusatz „Schiebestrecke“ geführt. Nach einem Schlenker Richtung Abgrund lässt Babsi sich weder durch die Aussage „war doch keine Absicht“, noch das ansteckende Lachen der Jungs beruhigen. Außerdem schreit unser Ober-Temperaturist Georg bedenklich laut beim Felgenprüfgriff auf, als er sich die wortwörtlich manuelle Sensorik verbrutzelt. Wir beschließen nach einer ersten Kühlpause, extrem steile Abfahrten nur noch mit einem Fahrer anzugehen, um das Gesamtgewicht zu senken. Die anderen versuchen, Surus am Hinterteil ziehend zusätzlich auszubremsen. Mehrfach surfen wir einfach hinter Surus abwärts übers Schotterbett. Teilweise verläuft die Strecke auf meistens ungesicherten Felsvorsprüngen. An einer extrem schmalen Passage müssen wir Surus außerdem umständlich zwischen Geländer und Felssteilwand durchmanövrieren.
In Nassereith angekommen streichen wir den Rest der Tagesetappe und verbringen den Abend in der Bierwirtschaft des Campingplatzes. Das haben wir uns wirklich verdient.

Tag 6 – Wasser’mArsch

Nach tiefem Schlaf erwachen wir morgens und es regnet! In der Hoffnung, dass sich das Problem durch Ignorieren lösen lässt, drehen wir uns nochmal um und schlafen weiter. Einige Sunden später regnet es noch immer und weil auch der Wetterbericht keine Besserung voraussagt, stehen wir trotzdem auf. Durch den Wassergraben ums Zelt ist Babsi sogar seekrank geworden!
Beim Frühstück ereilt uns wieder der Marmeladenmangel und wir genießen stattdessen Bananen- und Senfbrötchen.
Anschließend machen wir uns mit Regenjacken und Ponchos regenfest und warten die trockensten 10 Minuten ab um loszufahren.
Avisierte Strecken sind heute 15 km nach Imst oder 45 km nach Landeck, je nach Motivation. Der Regen wird während der Fahrt wieder stärker, sodass das Motivation-O-Meter nun die Reservezone indiziert.
Neben dem Regen von oben machen sich vor allem die fehlenden Schutzbleche bemerkbar. Der Schlamm wird vom Profil unserer schaufelnden Räder aufgenommen und schwungvoll in einer perfekten Parabel in Richtung der Besatzung entladen. Trefferfläche bei Personen auf der Fahrerbank sind die Gesichter. Gelingt ihnen ein geschicktes Ausweichmanöver, so landet der Dreck geradewegs auf der Rückbank.
Im Wald versperrt uns ein verschlossenes Tor den Weg und der kleine Durchgang daneben ist wegen des ungünstigen Öffnungwinkels für uns zu schmal. Nachdem Georg mit seinem Lockpicking-Set am Schloss scheitert, wollen wir Surus über den Zaun heben. Trotz Unterstützung durch eine freundliche Familie gelingt dies nicht. Also versuchen wir nun, den Türstopper aus dem Boden zu ziehen. Durch filigrane Lockerungsversuche bricht er leider ab – aber das Problem ist damit dennoch gelöst. Unser Weg fühlt sich mehr und mehr an wie ein Computerspiel mit verschiedenen Levels, die es zu bewältigen gilt.IMG_4263

Nass und dreckig – die Motivation reicht nur bis zum Campingplatz in Imst. Wir haben Glück und finden Waschmaschine und Trockner. Die Waschdauer überbrücken wir in Radlerhosen, Leggings und Flipflops mit Riesenpizzas. Eigentlich wollen wir uns umgehend in unsere Schlafsäcke zurückziehen, backen uns aber zunächst in der Sauna eines Fitnesscenters.

Abends erreicht uns Friedrich nach einer abenteuerlichen Bahnfahrt mit zwei Stunden Verspätung. Er wird uns ab jetzt begleiten!

Tag 7 – Brückentag

Heute kommt endlich die gestern herangeführte Reserve (Friedrich) zum Einsatz. Naja, auch Hannibal hat die Alpen schließlich nicht ohne Verluste überstanden und immerhin zeigt sein Elefant keine Anzeichen von Schwäche.

Da uns insbesondere der gestrige Tag noch tief in den Knochen steckt, beginnt heute das Frühstück ein wenig später.
Nach einer genüsslichen Einkehr im örtlichen Supermarkt – der Inkubator überzeugt auch den resistentesten Gemüsefetischist von den Vorzügen luftgetrockneter Wurst – stehen wir gegen Mittag in den Startlöchern. Ein schneller Blick in die Karte zeigt, dass heute eine stolze Etappe über 55km bis nach Vorderrauth fällig ist, und das in verkürzter Tagesfahrzeit. Wären wir mal früher aufgestanden.

Zum Glück ist Jupiter heute gut aufgelegt und sorgt für ideales Fahrradwetter. Auch das Gelände ist uns wohlgesonnen und beschenkt uns mit reichhaltigen Abfahrten, die uns gut voranbringen. Aber wie der Römer so richtig wusste, fürchten wir die Danaer, denn auf der Karte rückt der Reschenpass, der Gipfelpunkt unserer Tour, immer näher. Ganz eulenspiegelisch will das entspannende Gefälle gar nicht so recht gefallen – jeder Meter Abstieg muss schließlich nachher mühselig wieder erkämpft werden.

Nachdem Topographias Einlullungsversuche an uns abperlten wie Wasser (oder ist das unser Schweiß?), erfuhren wir ihren Zorn: wir fuhren stets dicht am Inn entlang und ein ums andere Mal erschienen vor uns steil aufragende Straßen, die uns mit ihren ominösen Anstiegen das Herz in die Hose rutschen lassen. Kurz vor dem immer unausweichlicheren Aufstieg jedoch sehen wir stets das erlösende Zeichen, nicht am Himmel, sondern am Schildermast: die Via Augusta nimmt den flachen Weg daneben, wahrscheinlich über eine der gefühlt hundert Innbrücken, die ob ihrer Schmäle gerne auch mal unseren Elefanten zum Baucheinziehen veranlassen. Wahrlich, Fortuna ist heute mehr mit uns als mit den Römern, aber ihre Ingenieurskunst setzt uns dennoch gut zu.

IMG_4279Nur eine ganz und gar andere Kunst, nämlich die der Glasbläser, vermag uns Steine in den Weg zu legen. Eine heimtückische Glasscherbe beschert uns den ersten Platten der Tour. Aber auch hier ist Fortuna zwar nicht mit den Tapferen, aber immerhin mit uns, denn das nächste Haus ist eine Autowerkstatt, deren freundlicher Chef uns seinen Kompressor zum Aufpumpen des schnell eingewechselten Ersatzschlauchs zur Verfügung stellt. So können wir auch diesen Vorfall ohne großen Zeitverlust meistern.

Doch scheint es, dass mit der Luft aus dem Reifen auch die Moral entwichen ist. Die Ansage „Noch 18km bis zum Platz“ sorgt, nachdem sie nach 20 Minuten zum dritten Mal erneut erklingt, erst für leichten Unmut und dann für leichten Spott über die Navigateuse, deren Namen aus Gründen des Datenschutzes hier ungenannt bleiben soll. Die kathartische Wirkung ist aber unwiderstehlich, und so erreichen wir entgegen aller Hoffnung immer noch frohen Gemüts gegen 21:10 Uhr endlich den angestrebten Campingplatz. Das Zelt wird im letzten Licht des Tages schnell aufgebaut und die mitgeführten Nudeln in Pampe al’Arrabiata verwandelt. Egal, der Hunger treibt’s schon rein und es ist ja auch noch ein Rest Salami vom Mittag übrig.

So gesättigt und durch das letzte Bier einigermaßen entspannt, kriechen wir in die Schlafsäcke und harren voller Unruhe der Höhenmeter, die da kommen. Die alten Veteranen, durch den Fernpass bereits abgebrüht und gestählt, sind da natürlich ein wenig gelassener. Gute Nacht.

Tag 8 – Passt schon!

Der große Tag. Der sagenumwobene Hoch- wie auch Höhepunkt unsere Fahrt: schon lange erreichen uns die Gerüchte und wir befragen jeden Guru am Wegesrand, was uns am Reschenpass erwartet. Ist er steiler und verkehrsreicher? Ist er besser ausgebaut und mit extra Fahrradweg? Ist er gar unpassierbar für unseren Drahtelefanten?
Die Antworten bleiben vage und widersprüchlich und so fühlen wir uns äußerst wagemutig, als wir am Morgen aufbrechen. Nach der ersten Stunde auf wenig befahrener, leicht aber kontinuierlich ansteigender Straße erreichen wir die Schweiz. Und zehn Minuten später Italien. Die Freude über das Länderdreieck wird schnell durch die nun stark ansteigenden Serpentinen gebremst. Nach der dritten Kehre sind wir am Ende und entscheiden uns ein Stück zu schieben. Die Einstiegsdroge wirkt und schnell haben wir acht weitere Kehren geschoben.

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Oben angekommen fühlen wir uns erstaunlich fit, genießen unseren Mittagssnack mit Ausblick und blicken in besonders viele ungläubige Gesichter, die unser Gefährt und den Reschenpass in keinen sinnvollen Zusammenhang bringen können. Weiter geht es, die letzte Steigung fahrend zu erklimmen. Wie ein Lottospieler mit Alzheimer freuen wir uns alle zehn Minuten über einen neuen vermeintlichen Scheitelpunkt des Passes und bemerken dann, dass da noch mehr kommt. Dann haben wir es endlich geschafft und blicken hinab auf das Dörfchen Reschen am See.
Letztgenannten beschließen wir rechts zu umfahren. Diese kürzere Route entpuppt sich sogleich als Achterbahnfahrt durch eine malerische Landschaft. Man würde erwarten, ein Weg am See entlang könne gar nicht viele Steigungen besitzen. Wir werden eines Besseren belehrt und überlegen Surus in Sisyphus umzutaufen.
Abends sind erstmals alle Campingplätze voll. Mit Hundeblick überzeugen wir schließlich einen Campingplatzbetreiber, uns ein karges Fleckchen neben einer Betonmauer zu geben. Und auch später erleben wir viel Tiroler Herzlichkeit: Nach dem Abendessen im Restaurant schüttet es wie aus Eimern, aber der Wirt drückt uns einen riesigen Sonnenschirm in die Hand, mit dem wir halbwegs trocken zum Zelt finden. Der Regen trommelt uns in den Schlaf.

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Tag 9 – Hohe Verluste

Wie am Vortag müssen wir uns auch heute für die linke oder rechte Seite eines Sees entscheiden. Als hätte unser Gehirn Löcher wie Käse, wählen wir erneut die rechte Seite, den Fahrradweg, der nicht flach am See, sondern reschenpassartig hoch und runter geht. Hinter jeder Kurve lauert hinterhältig wie die Römer ein neuer Anstieg. Glücklicherweise ist der See klein und wir erreichen bald die steilen Abfahrten. Heute werden wir ALLE Höhenmeter, die wir bisher gemacht haben, wieder hinunterfahren. Weil die vergangenen Tage unsere Unsterblichkeit wieder und wieder belegt haben, verzichten wir auf den Check der Bremsen – der letzte ist schließlich auch nicht länger als drei Tage her.

Auf den ersten fünf Kilometern der Anfahrt erzielen wir eine durchschnittliche (!) Geschwindigkeit von 43 km/h, knapp unter unserer bisherigen Höchstgeschwindigkeit. Sicheres Zeichen für eine Pause ist nun unsere menschliche, nachwachsende Temperaturmesssonde, Georgs linker Zeigefinger: Wir leiten Energie von 500 kg * 9,81 m/s^2 * 900 m = 4.500.000 Joule über unsere Bremsen ab, genügend um 13 Liter Wasser von Raumtemperatur zum Kochen zu bringen oder Georgs Fingerspitze (angenommenes Gewicht: 10 g, angenommenes Material: Wasser, Wärmekapazität konstant angenommen) auf ca. 100.000 Grad Celsius zu erwärmen.

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Die Landschaft ist geprägt von Apfelbäumen, die wir immer wieder mit Rebstöcken von Wein verwechseln. Obwohl es kontinuierlich bergab geht, müssen wir Dank hohen Reibungswiderstands und fehlender Gangschaltung mit so wenig Kraft und so hoher Frequenz treten, dass es nervt.

Gegen Abend haben wir die Hälfte der Gesamtstrecke der Via Claudia Augusta erreicht, Kilometer 388. Trotz dieses tollen Erfolgs war es ein verlustreicher Tag für Hannibals Generäle: Sowohl Friedrichs Handtuch als auch Georgs Jacke gehen unterwegs verloren, was wir viel zu spät bemerken. Im einsetzenden Regen ist Georg gezwungen, sich modisch in einer blauen Plastiktüte einzukleiden. Ein Aufzug, um den ihn kein Obdachloser beneiden würde.

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Wir beschließen den Tag mit einem kulinarischen Highlight: Dosen-Chili und Fertigreiß. Babsi weigert sich sogar, den Kochlöffel abzulecken, weil das Essen „nach Hundefutter stinkt“. Guten Appetit!

Tag 10 – Klonk! Platsch! Uäh!

Nachdem wir am Abend zuvor einen Campingplatz erbettelt hatten, um dem bevorstehenden Gewitter zu entfliehen, bleibt es nachts zumindest im Zelt trocken. Beim Abbau reißt unserem Zelt aber nun endgültig der Geduldsfaden – in Form der Gummibänder, die das Gestänge zusammenhalten. Unsere Expertenmeinung ist, dass sich dies nicht stärker auf Stabilität und Wasserundurchlässigkeit auswirken wird als bereits gebrochene Stangen und Löcher in der Zelthülle. Außerdem erscheint uns die Reperatur weder mit Tape noch mit Kabelbindern sinnvoll und daher vertagen wir das Problem auf später – ein klassisches „future us“-Problem.

Gestärkt von einem Frühstück bestehend aus Brötchen mit einem Glas Nutella und Instantkaffee, aufgebrüht mit lauwarmen Leitungswasser, machen wir uns noch vor Eintritt der drohenden Gewitterfront auf den Weg nach Meran.

Dort kompensieren wir die Verluste des Vortags, rüsten mit Handtuch und Regenjacke auf, verstauen alles übrige in Plastiktüten und machen uns auf den sehr nassen Weg nach Nals. Durch das Unterschätzen unseres Wendekreises und der Begegnung mit einer Mauer stößt nun auch die dritte Pedale bei jedem Tritt mit einem deutlichen „Klonk!“ gegen das Schutzblech. Ein kurzer Boxen-Stopp zeigt, dass unsere Tretlager für andere Belastungen konstruiert wurden, wie auch das Fahrrad an sich. Zur Reduktion der akustischen Umweltverschmutzung und um unseres Seelenfriedens Willen verbiegen wir die Tretkurbel so weit, dass die Lautstärke des Geräuschs gerade unterhalb der Nervschwelle verbleibt.

Unter das beständige „Klonk!“ mischt sich während der Fahrt regelmäßig ein „Platsch!“, wenn das angesammelte Wasser schwallartig von unserem Dach fließt. Gefolgt von einem „Uäh!“, wenn es dabei in Nacken, Hose oder Schuhe läuft. Klitschnass erreichen wir einen Zeltplatz, bauen unser Lager auf und fliehen in die nahegelegene Pizzeria. Dort trocknen wir unsere klammen Klamotten an den Sitzpolstern und stoßen auf bald getrocknete Unterhosen an.

Tag 11 – De Bello Meteorologico

Beim Aufstehen ist der Regen, der die ganze Nacht über auf unser Zelt einprasselte, abgeklungen und die Sonne scheint. Es scheint friedlich, sogar zu friedlich. Eine Finte, um uns aus unserem sicheren Lager zu locken?

Tatsächlich: Auf unserer heutigen Fahrt verfolgen uns Gewitterwolken auf Schritt und (insbesondere Pedal-) Tritt, wie Fabius den Hannibal. Wir überdenken unsere Lage. Jeder Ausbruchsversuch muss ob unserer geringen Tretgeschwindigkeit zum Scheitern verurteilt sein. Das Unwetter kann jederzeit über uns hereinbrechen. Völlig klar: Hier ist ein radikaler Strategiewechsel vonnöten. Wir blättern hastig in der Fibel für Generäle.

Schließlich fordern wir unser Glück wagemutig heraus und machen im idyllischen Tramin eine Pause. Der sagenhafte Ursprungsort des Gewürztraminers macht seinem Namen alle Ehre und wir geraten unversehens in eine spontan für uns organisierte Weinverkostung: von „ein Gläschen sollte ja drin sein“ über „na, wenn Sie den mögen…“ bis „für die Dame ist der hier genau das Richtige“ werden wir ein ums andere Mal neu betankt. Die Stimmung ist gut, wir ergänzen unser Motivation-O-Meter gedanklich um die Einstellung „Wein“, kurz nach „Pizza“.

Ein kurzer Blick an den Himme: immer noch dunkle Wolken, aber kein Regen. Perfekt. Jupiter weiß nicht, was er von unserem Wahnwitz halten soll und hält seine Kräfte zurück. Unser Plan funktioniert soweit.

Nur leicht vom Wein angeschlagen lassen wir uns ins Tal rollen. (Unsere Fahrer sind selbstverständlich vollkommen nüchtern.) Wir setzen noch einen drauf und fallen in die strategisch günstig gelegene Psenner-Destille ein. Die Tatsache, dass Limoncello nicht bei Zimmertemperatur getrunken wird, kann unseren Übermut nur kurz dämpfen und wir finden schnell ein passendes Obstgetränk.

Jetzt tritt die zweite Phase unserer gewieften Kriegslist in Kraft: Ganz unbemerkt ist der Campingplatz nur noch um die Ecke. Wir bewältigen die restlichen Meter im Eilmarsch (so eilig, wie sich ein Elefant eben treiben lässt – nur knapp langsamer als ein Dreirad fahrender Junge) und errichten unser Zelt blitzschnell, noch ehe die so bedrohlich über uns lauernden Wolken loslegen können. Wir haben dem Wetter erfolgreich ein Schnippchen geschlagen.

Zu spät beginnen jetzt die ersten Tropfen zu fallen und Donner zu grollen: alle Heringe stecken fest im Boden und das Gepäck ist im Trockenen. Der übertölpelte Jupiter tut sein Möglichstes, aber vergeblich. Unser Zelt hält – noch?

Tag 12 – Into the Wild

Als wir am Samstag aufwachen, ist die Freude groß; es ist sonnig und endlich können wir mal wieder in trockene Sachen schlüpfen. Der Campingplatz in Kurtatsch hat einen kleinen Teich und mit phänomenaler Aussicht genießen wir an selbigem unser Frühstück.
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Heute erwartet uns eine flache, nicht sehr lange Strecke. Schlau wie ein Elefant haben wir auch schon einen Campingplatz an unserem Etappenziel Trient vorreserviert, denn in der aktuellen Hochsaison sind die freien Plätze rar. Das Wetter ist fantastisch, wir fahren durch pittoreske toskanische Landschaften, und Prof. Dr. Dr. Dr. Augustus Van Dusen beeindruckt den gesamten Hannibal Express mit seinen Fällen im Hörspiel. Was sollte hier noch schief gehen? Wir fühlen uns erneut unsterblich, Motivation-O-Meter auf Pizza.
Als wir in Trient ankommen, lässt uns Fortuna fallen wie eine heiße Kartoffel. Es stellt sich heraus, dass der Campingplatz weit außerhalb der Stadt liegt, etwa 300 Höhenmeter über uns. Dahin führt nur eine gefährlich wirkende Schnellstraße, inkl. schmaler Tunnel. Nach einer haarsträubenden Rundfahrt durch einen autobahnzubringenden Kreisverkehr müssen wir uns geschlagen geben. Die Hochsaison tut ihr Übriges und wirklich alle Hotels und Unterkünfte der Stadt sind ausgebucht. Da wir nun im italienischsprachigen Teil des Landes angekommen sind, können wir unsere Notlage auch nicht adäquat artikulieren.
Ein Strategiewechsel ist vonnöten. Nach Ausschluss aller annehmlichen Lösungen bleibt nur, wild zu campen, aber nicht jedem der Expeditionsteilnehmer behagt dieses Delikt in römischen Landen. Wir erhalten den Tipp, unser Zelt direkt an der Etsch aufzustellen, vom Fahrradweg durch einige Büsche versteckt nicht einsehbar. Wir beherzigen den Vorschlag des netten Italieners, der abends auch noch einmal vorbeischaut und uns mit viel Elan eine Route für morgen vorschlägt. Ein leichtes Unwohlsein bleibt dennoch – aber vielleicht ist es nur die unkreative Pesto-Pasta Mischung, die im Licht der Taschenlampe grau schimmert…
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Tag 13 – Into the Vorgarten

Ein Karthager is(s)t dreimal soviel Wert wie ein Römer, das weiß ja jedes Kind. Wir verputzen daher an diesem Morgen jeder drei große italienische Frühstücksportionen. Die Stimmung ist blendend, ebenso wie das Wetter. Dass wir es uns so gut gehen lassen, liegt an der Zuführung weiterer Reserven für Hannibals Armee: Auf einem großen, elektrisch-mechanischen Gefährt durch die Alpen zu uns transportiert wurde Jule, die wir mittags am Bahnhof abholen.


Nachdem wir unsere Vorräte aufgestockt haben, gehen wir heute eine Strecke an, die man sonst mit dem Zug fährt. „Was für Weicheier!“, machen wir uns über das Gros der Via Claudia-Fahrer lustig, das vermutlich gerade in einem klimatisierten Fahrradabteil sitzt und eine kalte Limo trinkt – nur ein junges Ehepaar mit Baby und ein weiteres Ehepaar mit Elektrounterstützung kreuzen unseren Weg. Wir hingegen stehen vor den steilsten Anstiegen, die uns bisher begegnet sind. Mit vielen Trink- und Verschnaufpausen gelingt uns das Kunststück zunächst.


Obwohl unser Reiseführer den Zug empfiehlt, gibt er auch eine Wegbeschreibung für Fahrräder. Die ist allerdings – nett gesagt – recht mäßig, die Autoren scheinen wohl die kalte Limo im Zug bevorzugt zu haben. Nach einer kurzen, aber schmerzvollen Schotterabfahrt geht es plötzlich nicht mehr sinnvoll weiter: Der Weg verschmälert sich auf 30 Zentimeter, überall liegen Felsbrocken. Selbst das Tragen des Fahrrads scheidet als Option aus (obwohl wir ja bekanntermaßen unsterblich sind) – der Weg wird so steil, dass auch Wandern ohne 200 Kilogramm Gepäck gefährlich wirkt. So muss sich Hannibal gefühlt haben, als er mit seinen Elefanten in Schluchten im wahrsten Sinne des Wortes stecken blieb.


Weil wir genau einen Elefanten mit uns führen, entscheiden wir uns für einen Umweg auf der autobefahrenen Straße. Auch die ist natürlich steil. So steil, dass unsere wetterbedingt vorgewärmten Bremsen schnell sehr heiß werden. „Pfffffffff“ macht es auf einmal und unser linker Hinterreifen ist platt. Durchgeschmolzener Schlauch! Die Reparatur dauert eine geschlagene Stunde. Clever wie wir sind, hatten wir den letzten kaputten Schlauch aufbewahrt, um ihn bei Gelegenheit zu flicken. Genau den bauen wir unabsichtlich aber zuerst ein. Keuchend versuchen wir, unsere Luftpumpe verfluchend, den Schlauch mit Loch aufzublasen. Nach starken Zweifeln an unserer körperlichen Eignung erkennen wir, dass Zweifel an unserer geistigen Eignung viel eher angebracht gewesen wären. Schnell haben wir den heilen Schlauch aufgepumpt und alle Bremsen neu eingestellt.


Unser heutiges Etappenziel haben wir längst aufgegeben und sind unsicher, ob wir ein geeignetes Alternativziel erreichen können. Ein netter Ureinwohner mit Gartenschlauch bewahrt schließlich nicht nur unsere Kehlen vor dem Austrocknen, sondern beschreibt uns auch eine Abkürzung. Beim neu ausgewählten Ziel handelt es sich um einen malerischen See, umgeben von acht Campingplätzen. Perfekt, aber zu einem anderen Zeitpunkt im Jahr: Alles voll.

Nach viel Pech bisher beschenkt uns Fortuna doch noch. Wir treffen durch großen Zufall Deutsche, die hier wohnen und, um unsere Situation und die der Campingplätze wissend, ihren Garten anbieten. Das Motivation-O-Meter, lange deutlich unterhalb der 50 Prozent, schlägt zum Abschluss auf Pizza aus. Großartig! Wir haben sogar Dusche und Toilette!

Tag 14 – Und alles ward gut

Am Morgen wachen wir im Vorgarten unserer netten Gastgeber auf. Die komfortablen Umstände der vorhandenen Dusche nutzend müssen wir heute ausnahmsweise einmal nicht in unserem eigenen Schweiß baden. Am nahegelegenen See nehmen wir bei malerischer Aussicht unser Frühstück ein und müssen uns einiger Wespen erwehren, denen unser Frühstück wohl auch munden würde. Letzteres besteht heute nicht nur aus Brötchen und Croissants, wir haben zusätzlich einen riesigen Keks in Gestalt eines Flivatüts erworben. Unseren werten Lesern möchten wir folgendes Bilderrätsel zu denken geben: Welches Gefährt ist Surus the Surrey und welches Flivatüt the Cookie?


Unter allen Kommentaren mit der richtigen Antwort verlosen wir einen Keks. [Der Rechtsweg ist ausgeschlossen. Teilnahme für Angehörige eingeschlossen. Glücksspiel kann süchtig machen.]

Nach den Strapazen der gestrigen Etape haben wir unseren Ehrgeiz am Wegesrand vergessen und beschließen, das eigentliche Ziel des gestrigen Tages heute zu erreichen. Gemütlicher, ebener Fahrt folgt eine ausgiebige Mittagspause. Nur ganz kurz ruhen wir uns im Gras des Rastplatzes aus – erwachen allerdings erst zwei Stunden später… Einzige freie Unterkunft, die wir heute finden konnten, ist das Agritur Montibeller. Wir bereuen keine Sekunde, hier unser Nachtlager aufzuschlagen: Es erwartet uns einen Willkommensapfelsaft, freundliche internationale Kommunikation durch expressive Gestik sowie ein Potpourri romanischer Sprachen und ein phänomenales Abendessen. Gerade rechtzeitig zum Rotwein stößt nun Chrissi zu uns. Sie hat die Strapazen einer sehr langen Zuganfahrt und kleinen Wanderung zur unserem Campingplatz auf sich genommen und stürzt sich direkt ins Abenteuer, an diesem Abend ein Kräuterschnapps.


Sehr heiter geht es zu Schlafsack. In dem, was von unserem Zelt noch übrig ist, müssten nun zum ersten Male 6 Personen Platz finden. Aus nicht endgültigen geklärten Gründen (Bromance, olfaktorischer Rücksichtnahme?) beschließen Christian und Georg der Enge der Zeltruine zu entfliehen und schlafen unter dem sternenbedeckten Himmelszelt.

Tag 15 – Bremspause?!

Hinweis: Die Ereignisse des heutigen Tages erlauben vielfältige Interpretationen. Zur Illustration dieser Vielfältigkeit lassen wir daher abwechselnd Christian und Babsi zu Wort kommen.

Mit bester Laune und nach einem ausgiebigen Frühstück von unseren Gastgebern mit vielen selbstgemachten Marmeladen starten wir in den Tag. Wir haben heute etwa 45 Kilometer vor uns und ungefähr 500 Höhenmeter bis zur Spitze des ersten Passes. Das Höhenprofil zeigt noch zwei weitere Pässe auf unserem Weg heute, aber da müssen wir wohl oder übel durch. Schließlich haben wir unsere Unterkunft bereits mit Hilfe dolmetschender Italiener gebucht: Ein Zimmer und eine Wiese im Garten eines B&B. Los geht’s!

[Babsi] Auf der ersten kurzen Abfahrt hinter dem Hotel bemerke ich, dass unsere Bremsen nicht auf volle Besetzung ausgelegt sind. Wir können am Hang nur unter vollem Einsatz aller Bremsen den Ausrollweg annehmbar reduzieren – so viel zum Thema Redundanz der Bremssysteme. Angst bekomme ich als Georg, normalerweise mit bekanntem Wagemut ausgestattet, den nächsten Hang hinunter läuft, um die Bremsen zu schonen. Unsere Fahrer versuchen mich mit der Aussage zu beruhigen, dass wir mit den selbstgebauten V-Brakes zumindest die Geschwindigkeit halten können – na super! Ein kurzer Test zeigt, dass das zumindest stimmt …

[Christian] Geil! Ein guter Tag beginnt mit einer steilen Abfahrt. Der Fahrtwind streicht mir durchs Gesicht. Praktischerweise bekomme ich jedes Verkehrsschild und jede Kurve von der Rückbank angesagt, fast könnte ich die Augen schließen. Davon halten mich nur die unregelmäßigen Angstschreie ab. Dass die Bremsen mittlerweile deutlich an Biss verloren haben, kommt mir gelegen: Wieso eigentlich bremsen? Glücklicherweise lässt sich die letzte Reihe mit einem vermeintlichen Test der Bremsen besänftigen …

Kurz darauf beginnt der Anstieg und wir schieben und schieben, mehrere Stunden den Berg hinauf. Im Ort weichen wir den „praktischen Stufen in der Mitte der steilen Straße“, wie der Reiseführer sie beschreibt, aus und nehmen den Weg drumherum. Das letzte Stück des Anstiegs entpuppt sich als sehr steiler Schotterweg. Mit voller Kraft stemmen wir uns gegen Surus, um sein Zerschellen am Fuße des Hangs zu verhindern. Und dann will auch noch jemand den „Spaß“ fotografieren und löst dafür beide Hände von Surus. Ein kurzer Aufschrei und wir bewältigen den letzten Abschnitt nahezu ohne festzustecken.


[Babsi] Direkt nach dem Anstieg folgt eine lange Abfahrt. Der schlimmste Teil des Tages. Wir werden extrem schnell und ich kann mir nicht vorstellen, dass die Fahrer noch die Kontrolle haben. Die Bremsen überhitzen ständig und wir müssen sie bei Bremspausen regelmäßig mit Wasser kühlen. Dass wir das unfallfrei überstehen grenzt an ein Wunder! Ahhh!

[Christian] Abfahrt! Der beste Teil des Tages. Besser mal eine Pause vom Bremsen einlegen, wie von der Rückbank lautstark gefordert. Dann Vollbremsung vor den Kehren der Serpentinen, um direkt danach wieder Fahrt aufzunehmen. Yeah!

(Ob wir dank hysterisch geschrieener Anweisungen von der Rückbank oder dank des vorausschauenden Verhaltens unserer Fahrer überleben – wir werden es wohl nie wissen.)


Danach ist es nicht mehr weit. Nur noch 29 Kilometer mit 300 weiteren Höhenmetern nach Oltra. Dort angekommen treffen wir den nettesten B&B-Betreiber, den man sich vorstellen kann. Er lädt uns kurzerhand in sein Auto, um uns zur besten Pizzeria im Ort zu fahren – die kurvige Fahrt gibt uns einen Vorgeschmack auf die morgen vor uns liegenden Serpentinen.

Tag 16 – Birreria gut, alles gut

Nach einem ausgezeichneten Frühstück war es Zeit, unseren Amigo Mauritio und sein schnuckeliges B&B zu verlassen. Heute auf dem Programm Oltra – Croce d’Laune – Feltre: von 300 auf 1000 Meter und zurück. Vorschläge der Lokalbevölkerung, doch einfach der Straße im Tal zu folgen, werden überraschenderweise von ungenannten Personen der Reisegesellschaft als “Kinderkacke“ zurückgewiesen.


Dank oben ungenannter Personen und ihrer ausgedehnten Nahrungsaufnahme starten wir außerdem erfreulicherweise in hellsten mittäglichen Sonnenschein. Also aufsatteln, Foto und ZOOM das letzte Stück ins Tal hinunter. Kaum außer Sichtweite unserer Herberge ist erstmal wieder die Kette raus, aber so Kleinigkeiten bringen uns ja kaum noch aus der Ruhe. Nach weiteren 30 Metern beginnt dann der beliebte Hop-on und Hop-off Teil des Tages.


Das Erfolgsrezept für heute: nur 1 Gipfelpass, ausgedehnte durch Nieselregen garnierte Pausen und vor allem wenig Kommunikation und viel Sherlock Holmes-Abenteuer. So vergeht die Zeit wie im Fluge und schon gegen 17 Uhr erreichen wir Pedavena und die von unserem Amigo empfohlene Birreria. Hier testen wir uns durch die Bruscettakarte (erstaunlich lecker beispielsweise Salami-Spargel) und fröhnen den lokalen Brauereierzeugnissen. Zur weiteren Steigerung des bereits auf Pizzaniveau stehendem Motavition-O-Meters beschließen wir zu spielen. Um den Truppenfrieden nicht in Gefahr zu bringen fällt die Wahl auf das kooperative Kartenspiel Hannabi und so entstehen bald mehr oder weniger erfolgreiche Feuerwerke. Wehmütig brechen wir einige Stunden später Richtung Unterkunft auf. Diese entpuppt sich als schnuckeliges Hotel. 3 Zimmer, 3 Duschen. In einem Wort: Luxuspur.


Genießer, die wir nun mal sind, verlassen wir die Unterkunft nach 30 Minuten. Wohin ist klar: zurück zur Birreria. Diesmal in weiser Voraussicht zu Fuß …

Tag 17 – Schisma

Hinweis: Wie bei jeder im Nachhinein durch Überlieferung berichteten Geschichte sind auch hier mehrere sich widersprechende Versionen bekannt. Die hier wiedergegebene wurde nach langen akribischen Forschungsarbeiten als die plausibelste identifiziert. Mindestens eine weitere Version hat aber eine ebenso starke Tradition und wird als Apokryphe in einem weiteren Beitrag erscheinen.

Wieder einmal Abfahrt aus dem B&B gegen 1030. Angesichts der dringenden Hinweise des Tourenbuchs und unseres Gastwirts beschließen wir mit Blick auf unserer eher glazialen Bremsverzögerung den letzten Berg zu umfahren. Einsicht in die Beschränktheit der eigenen Fähigkeiten und Bereitschaft, neue Wege zu erkunden: das sind die Eigenschaften wahrhaft großer Generäle! Zuerst entsorgen wir aber noch die über mehrere Tage in der heißen und luftdichten Plastikbox gereifte Käse-Butter-Legierung. Schließlich weigert Sie sich mitzutreten.

Nach einem kurzen Bremsentest – ja, alle Bremsen sind noch da – geht’s auch schon los, erst mit dem Weg und dann mit den Problemen. Nach gefühlten 100 Metern beschließt einer der Schläuche, in Reminiszenz vergangener Tage an einer möglichst ungünstigen Stelle den Geist aufzugeben. Wir entwerfen eine geniale Hebekonstruktion mit Seil am Baum, so dass auch wir Flaschen das Fahrrad anheben können. Wir beschließen, unsere Erfindung Flaschenzug zu nennen.



Anschließend tauschen wir noch einen luftleeren Schlauch und eine funktionierende Luftpumpe gegen einen halbvollen Schlauch und eine Luftpumpe mit abgebrochenen Kolben. Kein Problem, wir fragen den erstbesten Italiener, der tatsächlich sogar einen Kompressor in der Garage hat. Neben einem Eis zum Motivationsausgleich gibt es auch noch einen anderen positiven Nebeneffekt: Mit 4 bar pro Reifen statt des maximal zulässigen Drucks von 2,5 bar ist auch der Rollwiderstand gleich viel geringer.

Auf recht stark befahrenen Landstraßen liefern wir uns ein Elefantenrennen mit den fröhlich hupenden Italienern. Nach der Mittagspause bemerken wir, dass die vorgeschlagene Route noch 500 Meter (einen Reschenpass) Aufstieg vorsieht. Wir wechseln die App und fahren anschließend auf der Proseccostraße durchs Hinterland, auf der wir immerhin nur 200 Höhenmeter überwinden müssen. Wir überlegen, ob wir vielleicht die Begriffe „Pass“ und „flach“ falsch verstanden haben.

Angesichts eines unerwarteten Ausblicks in die Ebene überlegen wir, ob wir wohl das Meer sehen können. Zehn Minuten Nachdenken liefern dasselbe Ergebnis wie eine Sekunde Hinschauen: nein. Dank unserer geballten mathematisch-geometrischen Kompetenz haben wir aber immerhin jetzt das Problem in voller Allgemeinheit gelöst und müssen daher nie mehr nach dem Meer Ausschau halten. Wenn x die Höhe über dem Meer (gemessen in Kilometer) bezeichnet, dann beträgt die Distanz zum Horizont etwa 110 Kilometer mal der Quadratwurzel von x.

Das heutige Etappenziel ist ein Campingplatz beim Lago di Lago. Nach dem Dorf „Dorf“ in Österreich haben wir offensichtlich hier den Höhepunkt der Benennungskunst auf der italienischen Seite der Alpen erreicht. Die Campingwirte erweisen sich als euphorische Elefantenfans und wir dürfen uns einen Platz mit Seeblick aussuchen.


Damit scheinen aber die italienischen Gastfreundschaftsreserven aufgebraucht zu sein. Im angeschlossenen Restaurant geht schief, was nur schief gehen kann. Wir, durch die unerwartet anstrengende Tagesetappe ausgelaugt, können dem nur wenig Verständnis entgegen bringen und laben uns lieber am lokalen Prosecco, bis das Lokal schließt und wir gegen Mitternacht ins Zelt fallen.

Tag 18 – Neue Herausforderungen

Beim Frühstück am Lago di Lago tritt der Kriegsrat zusammen. Der Hannibal Express steht nur noch wenige Tage von den Toren Venedigs entfernt, der Triumph scheint greifbar. Der Schlachtplan steht fest: Vor uns liegen nur noch 110 Kilometer venezianische Ebene, die wir innerhalb von drei Tagen bezwingen wollen. Wir jubeln, dass wir die letzten Berge bereits hinter uns gelassen haben und starten gewohnt früh in den Tag – gegen 12 Uhr mittags.

Nach kurzer Fahrt stellt sich heraus, dass wir die Herausforderungen der Alpen bereits vermissen: Ein Teil der Besatzung fühlt sich nicht ausgelastet und freut sich über jeden Speedbump. Fährt man über diese mit maximaler Geschwindigkeit, so stellt sich immerhin kurzzeitig das Gefühl von alpinen Bodenwellen ein – zumindest ertönt stets ein Schrei von der hinteren Bank. Zusätzlich wird die Vereinbarung getroffen, für Kleinigkeiten wie dem Abspringen der Kette nicht mehr anzuhalten. Ist eine Kette runter, hat die entgegengesetzte Seite besonders energisch zu treten und die problematische Kette wird in einem akrobatischen Gleichgewichtsakt bei voller Fahrt wieder aufgezogen. Ebenso kann die schleifende Trommelbremse gerichtet, Müll entsorgt und alles Erdenkliche am Fahrrad repariert werden ohne kostbare Sekunden durch Verringern der Geschwindigkeit zu verlieren.

Erst beim Supermarkt müssen wir zähneknirschend zugeben, dass man für einen Einkauf wohl doch Anhalten muss. Dafür findet Surus bei den Angestellten des SuperStore Coneglio große Fans. Alle kommen mal gucken, testen die Bequemlichkeit der Sitzpolster und posten ihre Begeisterung auf der Facebook-Seite des Supermarkts. Zum Abschied bekommen wir noch einige Pakete Kekse geschenkt, welche uns gut über den Tag bringen. Daneben besonders beliebt: Die Lollies, welche den professionellen Charakter unserer Expedition hervorheben.

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Weniger großzügig zeigt sich der Besitzer der Airbnb-Unterkunft am Abend. Zwar haben wir die Zimmer bezahlt, ja, aber die Benutzung der Sofas kostet natürlich 20€ extra. Genauso natürlich die Küche. Und die Sauna. Kameras überwachen, dass wir das Gebäude auch ja rechtzeitig verlassen. Langsam beginnen wir zu ahnen, warum diese Unterkunft noch frei war. Zum Abendessen finden wir schließlich gerade noch eine offenes Restaurant in Spresiano, welches Salz mit ein bisschen Pasta als Beilage serviert. Na dann buon appetito!

Tag 19 – Olympia

Nach einer schwitzig-heißen Nacht im ländlichen Spresiano brechen wir wie immer spät am Vormittag zur heutigen Tagesetappe auf. Bereits nach wenigen Kilometern stoßen wir auf ein menschengemachtes Hindernis. Es ist regelmäßig geartet und zu Fuß kann man es Schritt für Schritt hinunter laufen. Sehr praktisch, diese neumodische Erfindung für Fußgänger. Aber die modernen Menschen haben wohl die Wagen/Elefanten vergessen. Nun wären wir allerdings keine Karthager, würde uns dieser römische Hinterhalt aufhalten: Nach den Alpen und den Dolomiten überwinden wir auch dieses kleine Hindernis mühelos.

Wir fahren ohne weitere Hürden bis nach Treviso, wo wir uns in einem außerhalb des Stadtgebiets gelegenen Parks eine wohlverdiente Stärkung zuführen. Unsere Müdigkeit ist groß und kurzerhand finden wir ein Nachtlager in Treviso. Wir wählen eine Unterkunft mit quaderförmiger Outdoor-Zisterne. Aus Hygienegründen ist es nicht erlaubt, diese ohne Kopfbedeckung zu benutzen, so dass wir dafür alle ein halbkugelförmiges Plastikhäubchen kaufen. Da wir nicht genau wissen, was in dem Wasserbehälter zu tun ist und wir heute auch nur eine recht kurze Strecke gefahren sind, beginnen wir olympischen Sport zu betreiben, darunter: rhythmische Wassergymnastik, Ringen und Gruppenturnen.


Nach ausreichender sportlicher Betätigung begeben wir uns in die Stadt zur Nahrungsaufnahme. Die Suche nach einem Restaurant führt uns immer wieder in Osterias, wo wir uns an kleinen Häppchen und Aperitifs laben und die wie leichte Stimmungsaufheller/Antidepressive wirken.

Auf der Suche nach Essen mit Sitzgelegenheiten treffen wir auf Ureinwohner, die uns überschwenglich und wild gestikulierend ein Burger-Restaurant empfehlen, das wir nach nur 30 Minuten Suche auch finden. Es hat sich gelohnt!

Tag 20 – Hätte, hätte, Fahrradkette

Ciao, verehrte Leser*Innen! Amateurkriminalistisch Begabte mögen aus dem Beitrag des Vortages deduziert haben, dass wir heute in Venedig ankommen wollen. Auch wenn die bisherige Berichterstattung möglicherweise Zweifel säte oder vielleicht sogar suggerierte, wir könnten unser Ziel nicht erreichen – wie es die besorgten Rückfragen, die uns erreichten, dokumentieren – so haben wir es trotz aller widrigen Umstände geschafft! Wie wir den letzten Tag erlebten, könnt ihr hier nachlesen.

Wir finden Surus mit herausgesprungener Kette vor. Uns ist schleierhaft, wie das passieren konnte: War es das nächtliche Unwetter oder kommt der kleine Surus langsam in die Pubertät und rebelliert jetzt? Der erste Kilometer scheint letzteres zu bestätigen. Alle drei Pedaltritte fliegt die Kette heraus. Als Gegner antiautoritärer Erziehung und gute Eltern nehmen wir Surus die Kette weg. Wer nicht damit umgehen kann, sollte auch keine besitzen, basta! Für einen der sechs Generäle wird der heutige Tag wohl viel entspannter. Er tritt nur noch zur Wahrung des Zugehörigkeitsgefühls gegen Luftwiderstand und kaputtes Tretlager.

Von der Gemütlichkeit des vergangenen Tages eingeholt liegt heute eine lange Etappe vor uns, die wir effektiv erst gegen 1 Uhr nachmittags beginnen. Um Venedig heute noch zu erreichen, führen wir eine strikte „no break/brake“-Policy ein. Leider kann das bekannte Geschwindigkeitsparadoxon nicht zum Tragen kommen, weil nahezu die gesamte Etappe flach wie ein Pfannkuchen ist, beinahe ein Crêpe. Unter anderem dadurch unterliegt das Motivation-O-Meter starken Schwankungen. Selbst die Kriminalfälle von Sherlock Holmes vermögen es an diesem Tag nicht, eine Konstanz im Serotoninspiegel zu bewirken. Es zieht sich!

Wir vermissen die Alpen und die Dolomiten sehr. Bei einzelnen Teammitgliedern ist die Sehnsucht so ausgeprägt, dass wir anstelle eines kurzen Umwegs Surus wie einen fetten Chihuahua auf den Arm nehmen und über die Schranke tragen.


Die zahlreichen Ereignisse des Nachmittags halten wir der Kürze halber im stichpunktartigen Protokoll fest:

14:03 – Wir passieren einen Baum.
14:04 – Wir passieren einen weiteren Baum.
14:05 – Christian geht am Baum pinkeln.
14:06 – Wir passieren einen gelben Baum.
14:07 – Nichts passiert.
14:08 – Eine alte Dame mit Rollator überholt uns – zur Rettung unsere Ehre: Es ist ein elektrisch betriebener Rennrollstuhl.
[…]
18:00 – Wir erreichen Mestre, noch 5 Kilometer bis zur Brücke nach Venedig.
18:30 – Wir haben Mestre passiert, noch 5 Kilometer bis zur Brücke nach Venedig.
19:00 – Die im Reiseführer versprochene Unterführung existiert nicht, noch 5 Kilometer bis zur Brücke nach Venedig.
19:30 – Wir verlassen die von Google vorgeschlagene Alternativroute (mehrspurige Schnellstraße, hysterische Schreie…), noch 5 Kilometer bis zur Brücke nach Venedig.

20:00 – Durch großen Zufall stoßen wir auf den Fahrradweg nach Venedig. Er ist abgesperrt und als Baustelle gekennzeichnet. Uns doch egal – schließlich sind wir die letzten drei Wochen auf einer solchen unterwegs. Noch 5 Kilometer bis zur Brücke nach Venedig.

Spätestens jetzt fühlen wir uns gestresst. Die Genauigkeit der Vorhersage unserer Ankunftszeit ähnelt der des Windows-Kopierdialogs. Weil wir wissen, dass Diamanten erst unter Druck entstehen, versprechen wir unsere Ankunftszeit schließlich verbindlich.

20:30 – Die Brücke nach Venedig! Jetzt noch 5 Kilometer bis nach Venedig.
20:31 – Wir stecken zwischen Leitplanke und Brückenpfeiler fest. Jetzt nur noch 4,995 Kilometer bis nach Venedig.
20:35 – Nach einem engen Aneinanderschmiegen von Brückenpfeiler und Surus (definitiv in der Pubertät) und rhythmischem Rangieren ist die Engstelle passiert.


20:40 – Ein Zug hupt uns freundlich zu.
21:00 – VENEZIA!!!!!111
21:01 – Ein Polizist klärt uns darüber auf, dass Fahrräder in Venedig nicht fahren dürfen und können.


Während Georg unser Versprechen erfüllt, suchen wir nach einer Parkgelegenheit für Surus. Nach kurzer Verhandlung einigen wir uns mit den Parkwächtern darauf, dass ein Elefant zwei Fahrrädern entspricht. Wir sind müde, aber glücklich unser Ziel erreicht zu haben – endlich Urlaub! 😉


Sicherheitshinweis: Gefahr! Die vorausgegangenen Erlebnisse waren großartig und werden zur Nachahmung empfohlen.